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Der
Typ ist in
Lothar
Teuchert über die Schnulzensänger-Welt.
Neulich,
es war an einem Donnerstag, habe ich wieder einmal ferngesehen. Ich televisioniere
nicht oft, vielleicht zwei, drei Stunden am Tag. Laut Statistik müßte
ich viel mehr sehen, aber ich bin der dauernden Wiederholungen leid, jeder
Film kommt mir bekannt vor, ob ich ihn nun wirklich kenne oder nicht -
zumindest die Auflösung oder das Happy End erscheinen mir so vertraut,
als wäre ich selber der Erfinder oder Autor der Geschichte gewesen.
Sogar die Auflösung der Tagesschau kenne ich - regelmäßig
am Ende kommt die Wetterkarte.
Am
besagten Donnerstag bin ich nun zufällig in eine Musik-Show geraten.
Ein wunderschöner Jüngling sang von Liebe und Treue, verdrehte
genußvoll die Augen und schien all das, wovon er so sang, auch fest
zu glauben. Fasziniert blickte ich auf die Aufmachung des Troubadours.
Ein elegantes hellblaues Jackett, weißes Hemd, schicke Krawatte -
aber, und das hatte ich noch nie gesehen, die Ärmel der Jacke waren
bis zu seinen Ellenbogen hochgekrempelt. "Das ist jetzt in!" klärte
mich meine Frau auf, als ich an dieser Aufmachung herummäkelte. "Was
heißt in? Wie zum Teufel bekommt man die Ärmel überhaupt
zur Hälfte nach oben? Und wenn, warum überhaupt?"
Der
strahlende Showman riß nun beide Arme nach oben, schwenkte sie wild
vor der Kamera, linker Arm dickes Goldarmband, rechter Arm, von mir aus
gesehen, dicke Goldarmbanduhr. Die Leute rasten vor Begeisterung. Ich begriff.
Ich schnappte meine kümmerliche Digitaluhr, machte sie um und zog
mein Jackett an. Figürlich war mir der tolle Typ allemal überlegen,
stimmlich sicherlich auch, aber an Selbstbewußtsein sollte es auch
einem Dickerchen nicht mangeln. Wenn die Ärmel "hoch" also "in" war,
wollte ich es zumindest versuchen. Ich schob und zerrte, drückte und
stieß - nichts.
"Es
ist Tweed", meinte meine Frau. "Du wirst Tweed nicht wie einen großzügig
geschnittenen Seidenanzug behandeln können. Laß den Unsinn.
Nimm deine Tablette und gib langsam Ruhe!" Selbstverständlich meinte
sie es gut - die Tablette war gegen Bluthochdruck. Die Wirkung trat allerdings
erst nach dreißig Minuten ein, und so hatte ich noch ausreichend
Zeit, mich aufzuregen. Als nun während der Show plötzlich ein
Solomusiker auftrat, der den linken Ärmel solide heruntergezogen hatte
und nur den rechten "oben" trug, war ich beruhigt, und als im Anschluß
an diesen "Sänger- und Musikertreff" die Themen des Tages von einem
dezent aussehenden Herrn im korrekt sitzenden Blazer gesprochen wurden,
war ich versöhnt. Natürlich wußte ich, dass der Mann
nicht "in" war, aber er sah für mich so normal aus, dass er keinesfalls
"out" sein konnte.
01.02.1995
Lothar
Teucherts "Teuchert nochmal" aus dem ESDES Verlag ist in jeder guten Buchandlung
erhältlich. ISBN 3-9801542-8-9 |