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   TEUCHERT

Die schönsten Dinge   

Lothar Teuchert über Alkohol und sprechende Vögel.   

Man sollte sich davor hüten, Knut Petersen einen Trunkenbold zu nennen. Das war er nicht, und das würde er auch mit Sicherheit nie werden. Es war nur so, dass Knut den schönsten Dingen des Lebens so positiv gegenüberstand, dass er sie unbedingt besitzen wollte. Waren für den einen die schönen Dinge ein Bild von Hundertwasser oder ein echter van Gogh so waren es für Knut schlicht und einfach ein gut gezapftes Allersheimer mit herrlicher Krone, ein Klarer, so kalt, dass das Glas beschlug, oder eine Frikadelle mit Senf, von Tilly, seiner Lieblingsserviererin, gebracht.  

Hatte er all diese Dinge im Laufe eines fröhlichen Abends mehrmals in seinem Besitz gebracht, dann war er glücklich und zufrieden. Sang munter seine Shanties oder, wenn er wußte an der Theke war, beispielsweise aus Minden, ein netter Feriengast, voller Inbrunst das Weserlied. Natürlich konnte er variieren. Zwei Bayern, die er fälschlicherweise für Ausländer hielt, wollte er mit der Nationalhymne erfreuen. Als sie aufklärten, war Knut ob seines Mißgeschickes derart durcheinander und so untröstlich, dass sie ihm im Schnellkursus das Lied vom "alten Peter" beibrachten. Er wiederum revanchierte sich dann damit, dass er für ein "friedliches Nebeneinander von Deutschen und Bayern" eintrat.  

Hatte es Knut nun einmal wirklich so doll erwischt, dass er glaubte, auf den Händen nach Hause gehen zu können, war das auch nicht so umwerfend schlimm, denn in weiser Voraussicht hatte man die Kneipe im Nachbarhaus seiner Wohnung untergebracht. Die zehn Meter schaffte er immer. Tilly steckte auch noch, lieb wie sie war, den Haustürschlüssel in das Schlüsselloch und sagte "Tschüß!". Eines Nachts aber hatte Knut dann dieses fatale Erlebnis! Alles war gutgegangen, den Aufstieg in sein Zimmer hatte er hinter sich gebracht, den Lichtschalter gefunden, sich kurz orientiert, ob alles am richtigen Platz stand - das war wichtig für ihn, denn nun knipste er das Licht wieder aus und schoß auf das Fenster zu. Luft, Frische Luft, die brauchte er nach einem solchen Abend.  

Mit Schwung öffnete er das Fenster, leistete sich ein großes Bäuerchen und atmete tief durch. Die Augen wurden ihm schwer, er war müde. Auf dem Fenstersims saß eine Taube, träge und grau. Knut sah sie schläfrig und wohlwollend an. "Na du, auch müde. was?" Die Taube stieg gewichtig von einem Bein auf das andere und lachte. "Hä, hä, hä, hä, alter Suffkopp, du!" Knut hielt die Luft an, schnappte dann besonders gierig danach und brüllte: "Das ist das Ende, das ist das Ende! Nee, nee, nee." Zitternd vor Schreck knallte er das Fenster zu, warf sich auf das Bett. "Weiße Mäuse oder so, alles Mögliche sehen die Leute, aber sprechende Tauben, nee, das ist das Ende. Nie wieder Alkohol, nie wieder!"  

Plötzlich stand sein ganzes Leben wie eine Rückblende in einer Filmkomödie vor seinem inneren Auge: Knut der witzige Schüler, Knut der erfolgreiche Macher, Knut der charmante Frauenheld, bis Marion kam, in die er sich rettungslos verliebte, und dann Knut der Verlassenen, der ohne Marion nicht mehr zurechtkam und zur Flasche griff. "Nie wieder Alkohol", lallte er. "Nie wieder!" Mindestens fünf Minuten blieb er so liegen, dann rappelte er sich vorsichtig auf, stakste die Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Draußen standen mehrere lärmende und schwankende Gestalten. Tilly war auch dabei, aber die lärmte und schwankte nicht. Wie alle anderen hatte sie den Kopf in den Nacken gelegt und starrte. Knut starrte auch, dann hörte er Tilly rufen. "Jacko, Jacko, komm. Jacko ist lieb. Jacko ist so lieeeb!" Und Graupapagei Jacko kam müde vom Ausflug, träge die Flügel schwingend, auf Tillys Schulter geflattert, sah Knut in der Tür stehen und wiederholte: "Alter Suffkopp du!" Zum Index 01.05.1995 

Lothar Teucherts "Teuchert nochmal" aus dem ESDES Verlag ist in jeder guten Buchandlung erhältlich. ISBN 3-9801542-8-9

 

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