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   TEUCHERT

Der Arztbesuch   

Lothar Teuchert über Krankheitsfälle.   

Sie sind", der Doktor strich sich bedächtig und gelassen über den eisgrauen Bart, "Sie sind", begann er erneut, und seine gütigen, wissenden Augen fixierten mich milde, "ein labiler Typ, ja, ich würde noch weiter gehen und sagen - ein sehr labiler Typ!" Das saß. Nun wußte ich es. Nie hätte ich es vermutet! Zugegeben, insgeheim vielleicht. Wenn ich klar und hart und schonungslos mich mir selber offenbarte, hätte ich damit rechnen müssen. Ich sah meinen Doktor an, stumm und mit leidender Miene, um nähere Einzelheiten bittend. "Meine Diagnose", der Bart schien fertig, genießerisch ließ er den kleinen Finger der rechten Hand in seinem wallenden, leicht ergrauten Haupthaar kreisen, "meine Diagnose: vegetative Dystonie!" 

Ich! Vegetative Dystonie! Ja, war das denn gar nichts? War ich nicht innerhalb von Minuten oder sogar Sekunden aufgewertet? Hatte man denn so etwas schon einmal gehört? Welch Glück, mein Hausarzt, ein erfahrener Mann -außerhalb seiner Praxis als Chirurg in der nahen Privatklinik tätig - und ich, sein Patient! Herr Doktor", stammelte ich verwirrt, "kann man - werden Sie... operieren?" Er schüttelte den Kopf, ernst, zu ernst, wie mir schien. "Ich bitte Sie", energisch riß er den kleinen Finger aus dem Haar, "ich werde Ihnen etwas verordnen, und", er holte tief Luft "gemeinsam werden wir es schaffen." Gemeinsam! Er und ich, wir würden zusammen meine Labilität bekämpfen und meine "vegetative Dystonie" dazu. Wie diese beiden Worte saßen! Ich war nervös, verkrampft, zittrig und versuchte doch, Gelassenheit vorzutäuschen. 

Der Sprechstundenhilfe, die mir freundlich mein Rezept aushändigte, wollte ich keinen Schock versetzen, um aber ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf diese tragische Person zu richten, sagte ich mit rauher Stimme zwei Worte: "Vegetative Dystonie!" Sie stutzte, sah mich leicht irritiert an. "Ja, ja", meinte sie, "das kennen wir - nehmen Sie morgens und abends je eine Tablette. Wie feinfühlig dieses Mädchen war. Beeindruckend. Praktischerweise war die Apotheke im Hause. Die Dame, ganz in Weiß, brachte mir ein kleines Röhrchen, während ein Kunde neben mir eine ganze Tragetasche voller Medikamente erhielt. "Vegetative Dystonie", seufzte ich die Dame an. Sie nickte ernst. Zuhause war nur meine Schwiegermutter. "Edith ist einkaufen." Wozu einkaufen, dachte ich. Da muß man von Tabletten leben - und sie kauft ein. 

"Was hat der Arzt gesagt?" Meine Schwiegermutter behauptete immer, ich hätte arrogant abfallende Mundwinkel - ich ließ sie noch um einige Grade weiter fallen. Fast tonlos, aber doch irgendwie gefaßt warf ich hin: "Negetative Distonie!" Pause. Sie sah mich überrascht an. "Du meinst?" fragte sie vorsichtig zurück. Ich nickte ergeben. Ihr ernstes Gesicht zuckte etwas. Mich überkam Rührung. War hinter diesem faltenreichen Gesicht nicht vielleicht doch mehr Menschlichkeit als angenonmmen? Oder war sie übergeschnappt? Denn plötzlich begann sie in der ihr eigenen, unmöglichen Art zu lachen. "Vegetative Dystonie, meinst du, eilte sie mir nach, "habe ich auch, sogar die gleichen Tabletten hast du wie ich", entdeckte sie die Packung in meiner Hand. "Auch jeden Morgen eine Tablette nach dem Frühstück?" Wie angewurzelt blieb ich stehen. Morgens und abends je eine Tablette, hatte die Kleine gesagt. Kühl sah ich meine Schwiegermutter an. "Du simulierst doch schon seit Jahren, diese eine Tablette ist doch nur zu deiner Beruhigung. Sieh selber, morgens und abends eine Tablette! Reiß dich also bitte zusammen, ich brauche Schonung. Was zum Kuckuck kauft Edith denn so lange ein?" "Sie geht auch noch in die Apotheke." "Wieso?" "Sie war gestern beim Betriebsarzt." "Und?" "Vegetative Dystonie!" Zum Index 01.06.1995 

Lothar Teucherts "Teuchert nochmal" aus dem ESDES Verlag ist in jeder guten Buchandlung erhältlich. ISBN 3-9801542-8-9

 

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