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Der
Hobby-Fotograf
Lothar
Teuchert über seine Erfahrungen als Model.
Der
Fotoapparat in den Händeneines Amateurs kann zur Waffe werden - und
wenn er damit nur die gute Laune der anderen erschlägt. Es gibt Millionen
fotografierender Laien, fast alle haben sie eines gemeinsam: sie fühlen
sich nicht als solche. Gewiß, wenn die Fotos beim abendlichen, gemütlichen
Treff die Runde machen, werden sie vom Besitzer mit unterkühltem Stolz
als "leider etwas verwackelt" und "hier hat Marianne absichtlich so gekünstelt
gelacht" dargeboten.
Hans-Otto
war einer dieser liebenswerten Dauerfotografen. Sein Apparat, eine schlichte,
einfache Kamera -, die macht die besten Bilder, "was soll ich mich um die
Technik kümmern - seht selbst, wie scharf die Evelyn geworden ist"
- war seine Waffe, überall einsetzbar. War man gefällig, stellte
sich in die von ihm angegebenen Posituren, hatte man einen Freund gewonnen.
War man lustlos - Hans-Otto war nachtragend! Familienbilder waren seine
große Stärke. Und so waren denn auch Marianne, seine Frau, und
Evelyn, seine Tochter, auf fast allen seinen Urlaubsfotos zu sehen.
Einige
Bilder zeigten grundsätzlich Wasser und Wellen. Um die Fotos jederzeit
austauschbar zu machen, vermied er es beinahe profihaft, irgendwelche Erkennungszeichen
aufzunehmen. "Wasser und Wellen", das reichte. In angetrunkenem Zustand
verstieg er sich auf Mariannes Geburtstag zu der wahnwitzigen Behauptung,
allein an der Form der sich brechenden Wellen erkennen zu können,
auf welcher Insel die Aufnahme gemacht wurde. Diese Aussage gewinnt an
Glaubwürdigkeit, wenn man als Eingeweihter weiß, dass er
bislang nur eine Insel, Sylt, besucht hatte. Von Sylt konnte er schwärmen.
Beim
letzten Kurzurlaub nun war ich mit dabei. "Stell dich in die Mitte!" rief
er mir, aufgeregt mit der Kamera hantierend, zu. "Leg die Arme um die beiden",
- ich bin 1,67, Evelyn 1,85, Marianne wiegt fünfundachtzig Kilo. "Nicht
so gekünstelt!" rief er hektisch. Dann traf sein Blick die Sonne.
"Wir müssen rum - die Sonne -, rum, rum!" kommandierte er mit energischen
Handbewegungen. Kehrt um einhundertachtzig Grad, mein Arm rutschte von
Marianne. Interessierte und höfliche Spaziergänger, die nicht
stören wollten, sammelten sich. "Evelyn, guck Mutti an! Marianne,
versuch, träumerisch in die Ferne zu sehen, jaaaa, guuuut!" Er schnarrte
genießerisch, während Marianne beim Versuch, träumerisch
zu schauen, immer mehr verkrampfte und eher aussah, als hätte sie
eine starke Blinddarmreizung.
Er
drückte den Auslöser, drückte nochmals - nichts. "Moment,
Moment!" Dass ihm das passieren mußte! Er versuchte ein fröhliches
Lachen. "Hab vergessen, weiterzudrehen, sofort, sofort, - ja, und nun nochmal."
Inzwischen war der Strand gefüllt von Menschen, die vorbei wollten,
außerdem kam die Flut, die hinteren Reihen konnten kaum noch etwas
sehen. Evelyn und ihre Mutter standen strahlend neben mir. Hans-Otto rief:
"Lachen, lachen!" Wir lachten und lachten und lachten... und Dutzende von
Fotoamateuren knipsten wie wild den aufgeregt hantierenden Hans-Otto und
Marianne und Evelyn und mich und lachten und lachten...
Wortfetzen
drangen an mein Ohr. "Irgendwo habe ich den schon gesehen - nein, die lange
Blonde kenne ich nicht, aber den Kleinen mit dem Fotoapparat, ist das nicht...
? Meinen Sie... ? Tatsächlich, guck mal, Mutti, der mit dem Arm um
die Dicke, kennst du den?" Hans-Otto hatte endlich alle Vorarbeiten zu
seiner eigenen Zufriedenheit abgeschlossen. Er hüpfte aufgeregt um
uns herum - knipste unentwegt. Dann machte er mit einer öffnenden
Handbewegung den Weg für die angesammelten Sylt-Urlauber wieder frei.
"Danke schön, vielen Dank!" Man nickte ihm freundlich zu, immer noch
rätselnd, ob es sich um eine Aufführung der "Sylter Komödie"
oder um einen Sketch für die Nordschau gehandelt hatte.
01.08.1995
Lothar
Teucherts "Teuchert nochmal" aus dem ESDES Verlag ist in jeder guten Buchandlung
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