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Erinnerungen,
Erinnerungen
Lothar
Teuchert kramt etwas in der Mottenkiste rum.
Nun
ergriff er die alten Briefe, konnte sich, nachdem er schmunzelnd und wehmütig
den ersten gelesen hatte, nicht entschließen, die anderen, circa
zwanzig waren es wohl noch, ungelesen ebenfalls nach links zu legen, im
Gegenteil, er machte es sich auf dem Teppich recht bequem und las sie alle.
Eine Erinnerung jagte die andere, eine Schwärmerei nach der anderen
kam ihm ins Gedächtnis zurück und versetzte ihn in einen wohligen,
heiteren, manchmal auch nachdenklichen Zustand.
Nachdem
die Briefe gelesen und fein säuberlich verschnürt worden waren,
machte sich in ihm ein wenig Verdruß breit, etwas mißmutig
starrte er auf den nächsten Stapel, der unschwer als Zeugnisse zu
erkennen war. War er auch nicht immer einer der Schlechtesten der jeweiligen
Klasse gewesen, zum Schmunzeln sah er, genau wie damals seine Eltern, nicht
den geringsten Anlaß, es sei denn, er würde sie jetzt ganz nach
rechts außen legen und sie damit ein für allemal aus der Welt
schaffen. Während er noch sinnierte, tauchte plötzlich - und
er erschrak fast darüber - Minna Borchers, die sechs Jahre lang seine
Klassenlehrerin gewesen war, vor ihm auf und deutete streng nach links.
"Meyer-Schwiefel...", hörte er sie förmlich sagen, "Untersteh
dich!" Sein Respekt vor der alten Dame war schon immer riesengroß
gewesen, und folgsam wanderte auch dieser Stapel zu den bereits abgelegten
Briefen und Karten.
Sehr
erfolgreich schien ihm sein Bestreben nach Verringerung der alten Erinnerungen
bislang nicht. Er beschloß, härter gegen sich selbst vorzugehen.
Was zum Kuckuck sollte erheute noch mit den alten Alben, vollgeklebt mit
Margarine- und Zigarettenbildern, schließlich hatte er seit über
zwanzig Jahren nicht mehr hineingeblickt. Warum aber hatte er sie nicht
bereits bei früheren ähnlichen Aktionen weggeworfen? Egal, zur
Selbstbestätigung brauchte er dringend ein Erfolgserlebnis, beide
Alben wanderten nach rechts. Er griff zum Poesiealbum, blätterte in
ihm. Oben rechts auf jeder Seite konnte man noch erkennen, wie fein säuberlich
er mit Bleistift vorgeschrieben hatte, wer sich auf welcher Seite verewigen
sollte. Vati, Mutti, Oma, der Herr Pastor, die Lehrer, Freunde, Verwandte
- jeder hatte seinen Chance gehabt, ihm etwas Wichtiges, Freundliches oder
einfach Nettes mitzuteilen, nicht jeder hatte die Möglichkeit genutzt.
Einige - damals für ihn wichtige - Seiten waren leer geblieben. Lackbilder
waren eingeklebt, darüber nette Sprüche von Klassenkameradinnen,
der erste Spruch von Lehrer Süß, "Ein Esel sei der Mensch, hilfreich
und blöd!" von Heiner damals hätte es bald eine Prügelei
zwischen ihnen beiden gegeben, weil er es als eine Verunglimpfung seines
Albums ansah. Rosen, Tulpen, Nelken... war dreimal vertreten. Alles in
allem ein Erinnerungsstück, von dem er sich nie trennen würde.
Links von ihm fand es seinen Platz.
Die
Tüten mit allem möglichen Krimskrams, Fotos, Bildchen, getrockneten
Blumen, Anstecknadeln, er legte sie nach links. Dafür war er beim
wichtigsten Album angelangt, beim Fotoalbum. Zunächst aber sortierte
er seine Erinnerungsstücke wieder akkurat in die ausgeräumten
Schränke zurück. Auch Margarine- und Zigarettenalben fanden nochmals
Gnade. Das Fotoalbum bildete jedesmal den Abschluß seiner Aufräumerei.
Je nach Laune und Stimmung betrachtete er die alten Fotos mal mit Freude
und Heiterkeit oder auch ernst und mit viel Gefühl. Die ersten Baby-Fotos
von ihm - kaum zu glauben, wie niedlich er ausgesehen hatte. Der erste
Schultag, ganz ernst und mit riesiger Schultüte, die ersten Klassenkameraden,
Konfirmationsbilder, die ersten Freundinnen, er kannte noch die Namen,
die ersten Urlaubsfotos, wo immer sie entstanden sein mochten, außer
seiner fülliger gewordenen Figur war nicht viel darauf zu erkennen.
Dazwischen immer wieder Freunde, Bekannte, jede Seite Erinnerung. Nun die
Fotos von heute,heute relativ gesehen, immerhin bezeichnete er alle Bilder,
die in den letzten Jahren entstanden waren, als Aufnahmen von heute, denn
was hatte sich schon in diesen Jahren verändert? Familie, Arbeit,
Vergnügungen, Freunde, alles dieses war in etwa gleich geblieben.
Die gleichen Gesichter, kaum verändert. Nichts Bewegendes mehr auf
diesen Fotos, sie langweilten ihn, und doch ahnte er, auch diese Bilder
würden ihm einmal etwas bedeuten, dann, wenn auch sie von gestern
waren. Aber heute war heute, und wie jedesmal, wenn er "groß aufgeräumt"
hatte, war er erleichtert und fest davon überzeugt, nichts, aber auch
gar nichts Überflüssiges mehr in seinen Schränken zu haben.
01.11.1995
Lothar
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