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   TEUCHERT

Erlkönig oder was?   

Lothar Teuchert auf Theodor-Storms Spuren.   

Der Nebel waberte so dick vor sich hin, dass jeder Londoner Meuchelmörder seine dunkle Freude daran gehabt hätte. Und - mühselig die Deichkrone erreichend, kaum gehend, mehr tastend am Geländer sich hochziehend - ich, trutzig und stabil gebaut. Da vor mir, laut gegen den Deich, den breiten, klatschend, der blanke Hans. Breit war es hier oben, mußte es auch sein, der Sturm trieb mich von rechts nach links, von links nach rechts. Der Regen klatschte in Breitseiten voll in mein Gesicht, nahm mir den Atem.  

Ich japste, brüllte laut: "Scheißdreck", und verfluchte alle Meere dieser Welt und meine Dämlichkeit, jetzt und hier zu stehen, fast schon zu liegen, nur um bescheuerte, jodhaltige Gischt voll und nahe zu spüren. Und im dicken Nebel, im Lande der Spökenkieker, auf sturmgepeitschtem Deich gegen die Natur zu wettern - das konnte ja nicht gutgehen. Nach dem letzten wilden Schrei warf es mich fast zu Boden. 93 kg drehten sich, knallten gegen den Zaunpfahl und ich hörte das Wiehern von Pferden. Ich glaube es nicht, ich phantasiere. Durch dicke grauweiße Nebelwolken taucht ein schwarzer Schatten auf, unter ihm ein Schimmel.  

Kaum wahrnehmbar, Sekunden nur, etwas ruft: "Hoh, hoh, hoh!" oder so ähnlich, Hufe klappern, vorbei der Spuk. Zu Tode erschrocken drehe ich mich nicht mehr, falle einfach, bleibe liegen. Schimmel - schwarze Gestalt? Es ist alles schon so lange her. Der Sturm peitscht mir Schauer ins Gesicht, hält mich wach. Vor Angst wäre ich beinahe in einem tiefen Traum gefallen. Erlkönig - hieß der Typ nicht Erlkönig? Brachte der etwa seinen Sohn ins Krankenhaus nach Varel? War das zu schaffen? Aber ich hatte kein Bündel in seinen Armen gesehen! Natürlich ging ja auch alles sehr schnell.  

Nein, nein, es war Spuk, eine "friesische Fata Morgana". Die Strafe für ungezügeltes Fluchen. Fehlte nur noch ein gieriger Kawenzmann (wie immer das auch geschrieben werden mag), und der blanke Hans hätte mich. Rungholt fiel mir ein. "Noch heute schlagen die Wellen gar wild und empört wie damals, als sie die Marschen zerstört". War ich etwa die Reinkarnation eines Hoffhundes, von vor 500 Jahren und ging es nun wieder los - mußte ich dieses Mal als Mensch daran glauben? Oder Atlantis! War ja damals auch in so einem Sturm den Bach runtergegangen. Fast blind taumelte ich weiter, immer darauf gefaßt, doch noch von so einem Typen mit Gaul und halbtotem Kind niedergetrampelt zu werden, als ich die Treppe sah.  

Rettung, keine Himmelerscheinung. Reales Metall, dazu Backsteinziegel, die nach unten führten. Natürlich auch nach oben - aber zum Teufel, bestimmt nicht für mich. Nach einigen Schritten - hartumkämpften Schritten - hörte ich das Signalhorn. Dann das Wiehern, das ich nur zu gut kannte. Führten die Stufen zum Wasser? Ich dachte nur: Gleich hat er dich, gleich knallt dir der Bug vom "Fliegenden Holländer" an den Kopf, als ich den riesigen Truck sah, der langsam mit Signalhorn durch Sturm und Nebel kroch - und auf der anderen Straßenseite, schemenhaft zu erkennen, ein Schimmel, direkt neben der Wirtshaustür "Zum ertrinkenden Krischan".  

Naß, fertig, angeschlagen, ausgepumpt erreichte ich die Theke, wo ein Hühne mit Vollbart einen schätzungsweise vierfachen Doornkaat wegdrückte, voll mit schwarzem Gummizeug, weit fließend bekleidet, mich amüsiert ansah und mit tief versoffener Stimme sein "Hoh, hoh, hoh!" lachte. "Toller Sturm!" rief er. Und meine Ohren noch voller Wasser verstanden alles falsch. Statt "toller Sturm" erreicht mich "Theodor Storm". "Angenehm!" hörte ich mich sagen. "Habe viel von Ihnen gehört. Sie sind also der berühmte Schimmelreiter! Teuchert ist mein Name!". Zum Index 01.12.1995 

Lothar Teucherts "Teuchert nochmal" aus dem ESDES Verlag ist in jeder guten Buchandlung erhältlich. ISBN 3-9801542-8-9

 

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