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Das
Rezept
Lothar
Teuchert kränkelt vor sich hin.
Eines
Tages rief meine Schwiegermutter mich an und bat mich, für sie ein
Rezept von ihrem Arzt abzuholen. "Natürlich, gern!" rief ich freudig
in den Hörer, dankbar, ihr einen Gefallen tun zu können. Beim
Arzt saß ein freundliches junges Mädchen und bat mich - das
Rezept sei leider noch nicht ausgeschrieben - , einen kleinen Augenblick
im Wartezimmer Platz zu nehmen. Bei meinem Eintritt - ich muß wohl
die Tür wie ein kraftstrotzender Gesunder aufgestoßen haben
- ruckten mindestens zwanzig Köpfe in "Habt-acht-Stellung", um mich
mißtrauisch-neugierig zu begutachten. Mein Gott, dachte ich, hoffentlich
bist du korrekt angezogen. Mitunter gibt es da doch leichte Mängel,
die dann schonungslos und offen angeboten werden.
"Guten
Morgen", flüsterte ich eingeschüchtert - und ein mehrstimmiges
Murren antwortete. Ich erwischte, auf Zehenspitzen gehend, den vorletzten
Stuhl und setzte mich leise. Langsam begann der Laden wieder in Fluß
zu kommen. Häkeleien wurden weitergehäkelt, Kreuzworträtsel
gelößt, und Gespräche kamen in Gang. Als einziger Gesunder
unter diesen Bedauernswerten saß ich nun, wartete und döste
vor mich hin. Gegenüber saß eine ältere Dame und erklärte
ihrem Nachbarn gerade, wie dieser Leberschaden zustande kam. "Er hat nur
gesoffen, sie kennen ihn ja, ich konnte reden, was ich wollte - tausendmal
habe ich gesagt, nun ist aber genug, aber er konnte nich hören. Und
die Leber tut ja nicht weh. Und dann kamen vom Doktor die Werte!" Da meine
Leber auch nicht weh tat, ich aber keinerlei Werte vom Doktor zu erhalten
hatte, wurde ich etwas nachdenklich und wieder wacher.
Der
Nachbar nickte und hustete röchelnd. "Manchmal ist es später
als man denkt!" Himmel, auch das stimmte. Wer wußte denn schon, wo
er genau stand. ich nickte beifällig. Von rechts drangen Wortfetzen
an mein Ohr. "Gips ... zu eng ... Schmerzen, aufgemacht, zugemacht, Nagelbett
vereitert - Komplikationen!" Auf dem Tisch die Zeitschriften würden
mich entspannen. "Todes-Virus zerstört Körper!" "Die unglaubliche
Geschichte der Kuh mit den drei Köpfen!" "Explodiert die Sonne? Vernichten
wir uns selbst?" Diese Schlagzeilen. Ich verkrampfte zusehends. Mein Nachbar
nahm die Zeitung, die ich vor Entsetzen zurücklegte. "Das kommt alles
von den Strahlen, sehen Sie mal!" Sie machte ihren linken Arm frei.
"Diese
roten Stellen, alles Sonnenstrahlen! Die scheint jetzt durch dieses unbedeckte
Ozonloch und erwischt die Menschen!" Zwischendurch ging ein Aufgerufener
in das Behandlungszimmer. Neue Besucher kamen, unterzogen sich kritischen
Blicken, setzten sich verschüchtert, um spätestens nach zehn
Minuten in der Gruppe mitzupalavern. Mir wurde immer klarer und deutlicher,
was für ein Elend hier saß. Und alle Symtome paßten auf
mich. Ich eilte zu der kleinen Arzthelferin, die mir erschrocken das Rezept
entgegenhielt. "Entschuldigung!" rief sie. "Ich hatte ganz vergessen."
"Zum
Doktor!" rief ich. "Ich muß ganz schnell zum Doktor, ich bin ein
Notfall. Mein ganzes Gesicht ist gelb, meine Augen sind rot - links an
der Hand habe ich Ausschlag, außerdem rast mein Herz, während
ich meinen Puls überhaupt nicht mehr finde. Ich brauche ein EKG!"
Inzwischen war auch der Doktor aus seinem Behandlungszimmer gestürzt.
"Kommen Sie, kommen Sie bitte!" Er schob mich in sein Zimmer. "Soooo, nun
machen Sie sich einmal frei. Tief atmen. Ja, nochmal - husten, husten."
Seit dieser Zeit bin ich ständig in Behandlung, lerne fleißig
neue Krankheiten und gebe auch schon mal einen therapeutischen Tip. Wir
haben gerade eine Selbsthilfegruppe gegründet, um unseren Doktor zu
entlasten. Er sieht müde aus, hat auch einen fahrigen Blick, nimmt
ständig ab - die Gruppe ist sich einig: Er muß zum Arzt.
01.01.1996
Lothar
Teucherts "Teuchert nochmal" aus dem ESDES Verlag ist in jeder guten Buchandlung
erhältlich. ISBN 3-9801542-8-9 |