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Erinnerung
ohne große Gewähr
Lothar
Teuchert über seine sportliche Karriere.
Damals,
als man noch mit Torwart, zwei Verteidigern und drei Läufern spielte,
war Jankos große Fußballzeit. Janko spielte und drosch jahrelang
für Arminia Vechelde. Seinerzeit noch auf dem Platz in der riesigen
Kuhle an der Hildesheimer Straße, die in der Nähe der Eckfahnen
einen so hohen Rasen hatte, dass man die Außenstürmer,
meistens kleine, windhundschnelle Typen, immer suchen mußte, falls
ein Janko sie gestellt hatte. Janko spielte den letzten Mann - Ausputzer,
Mittelläufer, wie immer man es nennen wollte. Heute nennt man sie
Vollstrecker oder Terminator. Janko war nicht unfair, nein! Das kann wirklich
niemand seiner Kameraden oder Zuschauer sagen. Er hatte nur diese gewisse
Härte, die man braucht, Stürmern klarzumachen, dass gar
nicht das Tor das war, was sie suchten - sondern die Flucht.
Hochspringen
und ausweichen hieß die Devise. Diesem unerschrockenen Kämpfer
kam dabei auch noch zusätzlich die Robustheit seines Körpers
zu Hilfe. Sozusagen rechteckig, mit verkürztem Hals, zumindest wenn
er in Erwartung der Gäste den Kopf zwischen die Schultern drückte,
und ein sehr stabiler Körperbau. Der Kopf, meist leicht gerötet,
oftmals aus Zorn, wenn seine Hintermannschaft nicht schnell genug seine
Anweisungen ausführte, aber auch normalerweise und noch heute. Eben
diesen Janko nun traf ich nach über 25 Jahren wieder. Vielleicht hatten
wir uns zwischendurch ab und zu gesehen, aber dieses Mal hatten wir beide
Zeit, um über Vergangenes zu sprechen. Tja, Vechelde ist viel größer
geworden. Neuer Sportplatz, herrlich gelegen. Klasse-Halle zum Trainieren.
Ja er spiele noch, alte Herren, nur so zum Fithalten.
Die
Knie, alles wackelt. Ob ich denn wüßte - das mit Bella Hoffmann?
Ich hatte es gelesen. Bei Denstorf voll gegen einen Baum. Tot. "Scheiße",
sagte Janko, "Komm doch mal vorbei, wenn wir trainieren. Geht doch jetzt
viel ruhiger zu", meinte er noch, als er meinen mehr als besorgten Blick
sah. Wir spielten, nach kurzem Aufwärmtraining, sechs gegen sechs.
Allerdings hatte mich die Aufwärmerei so fertiggemacht, dass
ich erst einmal auf der Bank Platz nahm. Nach zwei Minuten raste der erste
meiner Mannschaft, Rudi Burschus, ebenfalls ein Kämpfer alten Stils,
auf die Bank zu. "Du für mich - rein!" Er blutete leicht aus der Nase.
Als ich den Ball zugespielt bekam, hatte ich nur einen Wunsch: Weg damit!
Aber er kam nach zehn Sekunden zurück. Weg damit! Er kam zurück.
So ein Hallenfußballfeld kann riesig groß sein. Schlendert
man gemütlich von Tor zu Tor, braucht man vielleicht 60 Sekunden.
Wenn
aber fünf über 40 Jahre alte, bullenförmig gestaltete sich
fit haltende Ex-Verbandsligaspieler näherkommen, heißt es einfach:
Weg damit! Ich kroch zur Bank. Immerhin waren rund 60 Sekunden vergangen.
"Du für mich - rein!" Unser Torwart kam angerannt. "Geh ins Tor, du
bist ja völlig fertig!" Fertig, das war der richtige Ausdruck. Fertig.
Und wie ich noch gar nicht ganz im Tor stand, war da plötzlich Janko
kurz vor mir. Irgendjemand schrie noch: "Aufpassen, den kriegst Du!" Dann
ging alles blitzschnell. Den dumpfen Aufprall des Balles an meinem Kopf
bekam ich noch mit (Wieso trägt man als Torwart beim Hallenfußball
keinen Kopfschutz wie beim Boxen?) ann begann dieses Feuerwerk erster Klasse
und anschließend die leise, unaufdringliche Hintergrundmusik, wie
sie die Firmen mit Niveau immer spielen und wo es dann heißt: "Bitte
warten - bitte warten!" Es war nicht einmal eine Gehirnerschütterung.
Nein, nur eine unglaubliche Schwellung meines flächenmäßig
doch recht großen Gesichtes. Kein Nasenbeinbruch - nur eine geplatzte
Oberlippe und als Abschluß die anerkennenden Worte von Janko: "Klasse
gehalten - kannst gerne wiederkommen!" Ich bin nie wiedergekommen.
01.03.1996
Lothar
Teucherts "Teuchert nochmal" aus dem ESDES Verlag ist in jeder guten Buchandlung
erhältlich. ISBN 3-9801542-8-9 |