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Gartenfest
bei Edel
Lothar
Teuchert übt sich im Gesellschaftsleben.
Eines
Morgens kam mit der Post eine Einladung. Gartenfest bei Frau von Edel.
"Sie sind herzlich eingeladen und ... bla bla bla. Bringen Sie Ihre natürliche
Kreativität, Ihre Ausstrahlung, Ihren Witz und Charme und Ihre Geistigkeit
ein!" Im Schnelldurchlesen hatte ich erst "Ihre Geistlichkeit" gelesen
und im inneren Zeitraffer unseren Hochzeitspastor Müller vor mir gesehen.
Das alles konnte ich also mitbringen und würde dafür einen Teller
Suppe, hausgemacht, und einen Toast, selbstgebräunt, sowie diverse
Häpperchen auf selbstgebackenem Brot und selbstgemostete Säfte
genießen dürfen.
Natürlich
gab es nachmittags noch selbstgebackenen Kuchen, außerdem irgendetwas
Selbstgebackenes aus Buchweizenmehl und als Krönung abends eine Schlachteplatte
vom Schwein, nein, das hatte sich damals im November nicht selbst erschossen
und auch nicht selbst ans Messer oder an den Bolzen geliefert. Zwischen
Essen, Trinken und albern Aussehen, denn eine selbst entworfene Modenschau
war ein weiterer Höhepunkt, sollten weitere Selbstverwirklichungsszenen
ablaufen. Selbstgedichtete Lyrik, Seidenmalerei, Töpferei, Blumengestecke,
Feder, Bleistift, Buntstiftzeichnungen, Aquarelle, Fotokunst usw. usw.
Frau von Edel würde wieder einen Überraschungsgast präsentieren,
selbstverständlich einen alten Freund, der selbstlos aus Berlin oder
vielleicht New York angereist war.
Beim
letzten Gartenfest war es ihr Neffe gewesen, der über die Wasserarmut
im gebeutelten Afrika referiert hatte, ein unglaublich dankbares Thema,
schließlich war es auch hier fast 30 Grad warm gewesen und die diversen
Rasensprenger konnten kaum für Abkühlung sorgen. Ja, und dann
die Musik. Selbst komponierte Klavierstücke der hiesigen Musikschule
und anschließend, selbst gezeugte Genies - die Eltern hatten Ehrenplätze
auf der Terasse -, die unglaublich schön Musik von Haydn bringen würden.
Selbstverständlich würden noch Früchtetee und entcoffiienierter
Kaffee, Bier, Wein und Sekt ausgeschenkt. Glücklicherweise sei auch
der Winzer, Herr Glöckle wieder anwesend, der zum Selbstkostenpreis
seinen selbst abgefüllten Herrgott Glöcklespiel anbieten würde.
Die
herrlichen Modenschau-Holländerhüte könne man leider nur
bei Frau von Edel direkt bestellen, während Bilder, Bücher, Fimo-Schmuck
usw. unter den Künstlern selber getauscht oder ge- kauft werden könnten.
Sollte die Zeit noch ausreichen, würde auch, zusätzlich zur sowieso
schon geplanten Lyrikminute, eine Lesung stattfinden. Ganz spontan würde
sich dann ein Autor melden und sein neues Buch, erschienen im Verlag von
Frau von Edel, vorstellen. Ich las weiter. "Lieber Gast, es entstehen Dir
keine Kosten, die Damen, unsere lieben Künstlerinnen vom hiesigen
Kunstverein 'Glaub an Dich und mich' haben im selbstlosen Einsatz Tage
und Nächte gebacken und vorbereitet. Komm einfach nur, komm. Am Eingang
zum Gartenfest steht eine selbst getöpferte, herrliche Schüssel,
die kleine Spenden für in Not geratene Künstler des Umlandes
aufnimmt. Und ob Du nun, lieber Gast, eine Flasche Sekt oder Kartoffelsalat
oder einen Kuchen mitbringst - wir haben die Möglichkeit, alles einzufrieren.
Wichtig ist nur Dein Kommen. Übrigens: beim Gartenfest des Herrn Bankdirektors
Möchtemann waren 98 Personen. Wir hatten bei unserer letztjährigen
Künstler-Party bereits 112 Gäste!" Langsam strich ich die Einladungsworte
Gartenfest bei Frau von Edel durch und schrieb mit rotem Filzstift: "Floh-
und Topfmarkt bei Frau von Trödel". überlegte mir aber gleichzeitig,
ob ich es mir leisten konnte einfach in Jeans zu gehen. Egal, ob edel oder
Trödel - irgendwie gehört man dazu.
01.07.1996
Lothar
Teucherts "Teuchert nochmal" aus dem ESDES Verlag ist in jeder guten Buchandlung
erhältlich. ISBN 3-9801542-8-9 |