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Ein
verzetteltes Autorenleben
Lothar
Teuchert über Höhen und Tiefen des Schreibens.
Es
gibt da ein Gerücht, das besagt, manche Autoren seien so gut, dass
sie es gar nicht mehr nötig hätten, selbst zu schreiben - und
niemand merkt den Unterschied. Da haben es die kleinen doch wesentlich
schwerer. Mühselig wird Idee um Idee zusammengetragen, aufgeschrieben,
korrigiert - verworfen. Neu formuliert - und endgültig als zu schlecht
erkannt oder verkannt. Ich persönlich arbeite nach dem Prinzip, dass
die Verwandtschaft mich schon irgendwie über den Winter bringen wird
- falls mir nichts Druckreifes einfällt. Das befreit ungemein, läßt
den Druck verschwinden und macht mich richtig schön faul. Aber irgendwann
kommen dann die Ideen, nicht nur eine, nein, gleich drei, vier. Der Schwachpunkt
ist nur, dass die Idee nicht automatisch auch schon die Geschichte
ist.
Also
heißt es Zettelchen suchen, aufschreiben und in einer großen
Kiste aufbewahren. Und dann, wenn ich verspielt in meinem Zettelkasten
herumwühle, bekomme ich die große Lust. Irgendein Blatt, beispielsweise
mit den Worten "Krach, Langeweile, hysterischer Schwätzer" bringt
mich auf Trab, und die Geschichte "Partytime" entsteht. Eine andere Möglichkeit
ist das Diktiergerät, das ich mir zugelegt habe, weil mir eigenartigerweise
stets im Bett die guten Geschichten einfallen. Natürlich mache ich
kein Licht an, sondern fummele minutenlang an dem Ding herum. Plötzlich
erschreckt von einem kleinen roten Lämpchen, das angeht und wohl Aufnahmebereitschaft
signalisieren soll. Also flüstere ich leise einige tolle Sätze
in das Gerät, bis ein derber Knuff in die Seite mich schmerzhaft daran
erinnert, dass ich verheiratet bin. "Unmöglich!" schimpft sie.
"Jetzt schnarchst du nicht nur, jetzt sprichst du auch noch im Schlaf -
und was für einen Blödsinn." "Das war die Leber, du hast meine
Leber getroffen!" Ich bin richtig erbost.
"Seit
wann sitzt bei dir die Leber dort, wo andere Leute die Nieren haben?" Autorenfrauen
brauchen diese Härte. Einer muß schließlich auf dem Boden
bleiben. Jedenfalls darf mein Diktiergerät nicht mehr mit ins Bett.
Die schönsten Geschichten sind sowieso die wirklich erlebten. Ich
habe einen kleinen Tabakladen. Nachdem ich Jahrzehnte die idiotischten
Anweisungen erfüllt hatte, war eines Tages der Entschluß da:
"Mach dich selbständig. Dann hast du Zeit, dir die schönsten
Stories auszudenken." Die Zeit ist knapper geworden, aber lebenswerter:
Stürzt kürzlich aufgeregt ein junger Mann in den Laden. "Haben
sie eine große Flasche Cointreau?" "Nein!" "Wo, um Himmelswillen,
bekomme ich den denn jetzt noch her?" "Keine Ahnung", sage ich. "Trinken
sie doch Apfelkorn, den habe ich da." Der junge Mann sieht mich verzweifelt
an. "Er ist doch nicht für mich, ich brauche ihn für meine Gans!"
"Hören sie", antwortete ich streng, "das sind ja tolle Geschichten.
Man sollte den Tierschutzverein anrufen, andere Gänse trinken Wasser
und ihre ist Alkoholikerin?" Richtig dargeboten, wird nie ein Kunde beleidigt
sein, wenn Lockeres durch die Lüfte fliegt.
Nett
auch die Story vom Tabakkunden,der Tabak mit süßlich duftendem
Aroma suchte. Natürlich hatte ich da mehrere Sorten, und er konnte
und konnte sich nicht entscheiden. "Was meinen Sie?" fragte er mich. Ich
sah ihn an - ein recht molliger Typ. "Nehmen Sie den da, der ist für
Diabetiker!" "Können Sie mir helfen?" Ein junger Mann hielt sein defektes
Feuerzeug in der Hand. "Ich weiß nicht genau, was es ist, aber meiner
Meinung nach fehlt mir eine kleine Schraube." Ich bin kein Techniker, und
Feinstarbeiten an Feuerzeugen sind nichts für meine Finger. "Ich will
Ihnen etwas sagen", antwortete ich und untersuchte es, interessiert tuend.
"Bei mir war es wesentlich schlimmer mitunter fehlten mir bereits zwei
Schrauben." Und, um das Ganze zu entschärfen, "ich mußte es
dann wegwerfen, es gab keine Ersatzteile mehr." Er grinste, verstand wohl
die Doppeldeutigkeit und kaufte für ein paar Mark ein Einwegfeuerzeug.
Das meine ich damit! Umgang mit anderen Menschen regt die Phantasie an
- ergibt Geschichten. Dass es aber immer noch viel zuviele phantasielose
Menschen gibt, zeigt eines deutlich: Wir müssen tausendmal mehr miteinander
reden.
01.10.1996
Lothar
Teucherts "Teuchert nochmal" aus dem ESDES Verlag ist in jeder guten Buchandlung
erhältlich. ISBN 3-9801542-8-9 |