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Fensterputzer
Lothar
Teuchert über den härtesten Job der Welt.
Fensterputzer
sind Leute mit überdurchschnittlichem Verantwortungsbewußtsein.
In keinem anderen Beruf der Welt kommt man schlampiger Arbeit so schnell
auf die Spur wie dem ihrigen. Hat der Kunde am Schluß ihrer Aktionen
keinen klaren Durchblick, ist es offensichtlich: Hier wurde geschmiert!
Fensterputzer sind häufiger als der unwissende Mensch glaubt. Einzelgänger
oder auch Einzelkämpfer. Wenn sie nicht gerade, wie in amerikanischen
Lustfilmen, grüppchenweise an Wolkenkratzern herumhängen, was
ja nun wirklich in Städten wie z.B. Helmstedt selten genug vorkommen
kann, haben sie normalerweise ihre Tour, die sie Tag für Tag, Woche
für Woche, gewissenhaft und akkurat wegputzen. Dieses "Einzelarbeiten",
dieses "auf sich selbst gestellt sein", hat nun, je nach Beschaffenheit
der Tour und des Seelenzustands des Einzelnen, die unterschiedlichsten
Auswirkungen.
Mein
Fensterputzer - eines der wenigen Extras, die ich mir leiste, um meine
Frau zu entlasten - kommt nun schon jahrelang - und hoffentlich noch viele
weitere Jahre - zu uns ins Haus. Arbeitet gut und unterhält mich.
Es ist sozusagen eine Ein-Mann-Show, die er da abliefert und in die er
mich, ungewollt natürlich, des öfteren mit einbezieht. Unser
Häuschen ist klein genug, um von jeder Stelle, an der er sich befindet,
bis zu meinem Arbeitszimmer, in dem ich mich befinde, Hörkontakt zu
halten. Und da liegt das Problem. Einzelarbeit macht schweigsam. Jahrelang
die gleiche Tour, ganz selten zu zweit oder in der Gruppe - mit wem soll
er reden? Hat er denn niemanden, mit dem er reden kann, spricht er mit
sich selbst. So wie die Bäcker früher, als sie noch in kleinen
Backstuben standen, laut sangen, so erzählt er sich wohl, leise natürlich,
kleine Stories. Ich sitze also am Schreibtisch und er beginnt damit, im
Badezimmer den Spiegel zu putzen. Plötzlich wird er etwas lauter.
Ah, denke ich, er hat ein Problem und als höflicher Mensch stehe ich
auf und gehe zu ihm. Er beachtet mich nicht weiter, sieht mich vielleicht
auch nicht, wird aber etwas leiser. Ich höre sekundenlang zu und begreife,
dass es sich um eine Art Streitgespräch handeln muß.
Aber
wer gegen wem? Ich empfinde weiteres Zuhören als Eingriff in seine
Privatsphäre und ziehe mich zurück. Nun lacht er leise. Ich atme
auf. Hört sich offensichtlich nach Versöhnung an. Bei unseren
Schlafzimmerfenstern scheint Verbitterung aufzukommen. Das leise Lachen
klingt leicht höhnisch. Ich also wieder hoch, frage, ob er einen Wunsch
habe. Vielleicht einen Kaffee oder etwas Kühles? Nach ca. 15 Minuten
gelingt es mir endlich, mich von der Geschichte seines total übersäuerten
Magens und den mitunter heftigen Leibschmerzen, die ihn bei Genuß
von kalter Milch so arg quälen, zurückzuziehen. Aber er kommt
schnell noch hinterher, um mir noch seine nicht wirkenden Tabletten mieszumachen.
Nun könnte man den Eindruck gewinnen, ich mag meinen Fensterputzer
nicht. Absolut falsch! Nein, ich freue mich auf jedes neue Treffen mit
ihm. Einzig und allein die Tatsache, dass er so undeutlich spricht,
ärgert mich. Zu gerne hätte ich beispielsweise mehr über
dieses Wahnsinnsweib Brigitte erfahren, aber mehr als zu einem "und Ohren
hatte die, Riesenohren" ließ er sich nicht mehr hinreißen.
Keine
Adresse, nichts - im Gegenteil, anschließend war er so schweigsam
wie lange nicht mehr, wischte sich nur ständig mit dem Handrücken
über den Mund. Ich wünsche beiden "alles Gute". Die Geschichte
wäre aber einfach "unfertig", würde ich nicht nun auch das genaue
Gegenstück zu meinem Sensibelchen vorstellen. Da gibt's noch einen
Urtypen, mit Gardemaß. Man nennt ihn "Locke". Locke ist ebenfalls,
um es nun aber einmal korrekt auszudrücken, Glas- und Gebäudereiniger.
Von Übersensibilität, zumindest nach außen, keine Spur.
Locke ist souverän. Die Leiter trägt er wie andere einen Spazierstock.
Zuständig für die Fenster der City-Geschäfte, hat er alles
fest im Griff. Auch meinen kleinen Laden. Dass ich ihn so respektlos
"Locke" nenne, wird er mir nicht übelnehmen. Er hat eine fantastische
Glatze, und fast jeder kennt ihn eben als "Locke". Was er aber im Übermaß
hat, ist Gesellschaft. In der City ist niemand allein. Die City ist voller
Menschen. Falls also Locke jemals auf die Idee käme, Selbstgespräche
zu führen, könnte das nur einen triftigen Grund haben: Er bekommt
neue Zähne und vorher will er mit niemanden mehr reden.
01.11.1996
Lothar
Teucherts "Teuchert nochmal" aus dem ESDES Verlag ist in jeder guten Buchandlung
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