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Deutschland im Weißkittelrausch 

Schulz! ist den Symptomen einer TV-Serien-Epidemie auf der Spur. 

Die Lage ist ernstAngefangen hat der ganze Rummel um die Halbgötter in Weiß im TV in den sechziger Jahren. "Landarzt Dr. Brock" hetzte damals von Hof zu Hof, um kalbenden Kühen und nervösen Landwirten aus der Klemme zu helfen. Und obwohl der Zuschauer die Stallluft förmlich riechen konnte, erfreute sich die Serie zunehmender Beliebtheit und wird seitdem regelmäßig wiederholt. Kein Wunder, dass "Dr. Brock" bald eine ganze Reihe von Kollegen bekam. Eine Monatszählung in einer deutschen Fernsehzeitung ergab nicht weniger als 31 Arzt-, Klinik- oder Schwesternserien. Neben "Dr. Brock" machen nun "Der Doktor und das liebe Vieh" aus England der Agrarwirtschaft das Leben leichter. 

Ebenfalls importiert ist die Serie "Fliegende Ärzte", und zwar aus Australien. Wichtigstes Instrument der operierenden Flieger ist nicht die Spritze, sondern ihre Propellermaschine. Auf diese medizinische Luftversorgung kann Deutschland nur neidisch sein, auch wenn ich mich angesichts der Flugstrecken und der Arbeitsleistung manchmal gefragt habe, ob es in ganz Australien wirklich nur zwei Ärzteteams gibt. Die zweifellos besseren Serien kommen aus den USA - woher sonst. "Chigaco Hope", "General Hospital", "Trapper John M.D." und "University Hospital" heben sich nicht nur durch die talentierteren Schauspieler von deutschen Serien ab, sie verfügen auch über die notwendigen Spannungsmomente, die auch auf den Teil nach der Werbung warten lassen. Und ihre Happy-Ends sind nicht so unerträglich dick aufgetragen wie bei einheimischen Produktionen. 

Nahtlos reiht sich hier natürlich auch "Emergency Room" von Meister Michael Crichton ein. Was liegt in den USA näher, als zwei beliebte Themen zu verbinden - den Western und die Arztserie? "Dr. Quinn - Ärztin aus Leidenschaft" zeigt, wie es funktioniert. Und dass es auch in der Medizin mit Humor geht, zeigt sich bei "Hallo Schwestern". Mit einer Mischung aus Satire, Antikriegsfilm und Arztserie hat sich "M.A.S.H." seit den siebziger Jahren zur Kultserie entwickelt. Zurück in die Heimat. Fast jeder Sender hat seine eigene Reihe im Programm, teils als ständige Wiederholung, teils als ewige Fortsetzung mit immer neuen Darstellern. So hat es bei "Praxis Bülowbogen" bereits einen Generationswechsel gegeben, und die "Schwarzwaldklinik" zeigt uns in der x-ten Wiederholung, wie schön Sascha Hehn noch vor Jahrzehnten war. 

Quotenkönigin ist "Für alle Fälle Stefanie", bereits in dritter Besetzung. Mit jugendfreier Erotik will "Dr. Stefan Frank - der Arzt, dem die Frauen vertrauen" das Rennen machen. Im Gegensatz zu den anderen Serien, die sich eher hochgeschlossen geben, blitzt hier schon mal ein nackter halber Busen im Bild auf. Die restlichen Serien sind schnell abgehandelt, ihre Namen sind Programm: "St. Angela", "Chefarzt Dr. Westphall", "Hallo, Onkel Doc", "Frauenarzt Dr. Markus Merthin", "Alle zusammen", "Medicopter", "Stadtklinik", "Geliebte Schwestern", "Adrenalin - Notärzte im Einsatz", "Alphateam", "Der Bergdoktor", "Ärzte", "Zahn um Zahn", "Kinderärztin Dr. Monika Lindt". 

Besondere Erwähnung verdient natürlich die "Klinik unter Palmen", die mit Steuergelder aus dem Ministerium für Entwicklungshilfe gefördert wurde, damit in den Spielablauf ein Entwicklungshelfer eingebaut wurde, an dessen Auftritt sich einer Umfrage zufolge allerdings kein Zuschauer erinnern konnte - an das Klinikpersonal schon. Scheinbar braucht unser Volk all diese Ärzte wirklich. Fast hätte ich jetzt Nummer 31 vergessen. "Das Krankenhaus am Rande der Stadt" ist eine kleine, feine tschechische Produktion aus den frühen achtzigern, die zumindest allen deutschen Produktionen den Rang abläuft. Die Reihe würde ich als Arzt mit ruhigem Gewissen verschreiben. tb Zum Index  01.03.1999 

 

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