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TV Extra: Medien, Multis und Moneten

2. Juli 1996 I Pachis I Highlights, Portrait, Print-Archiv

Bodo Scharfetter zog aus, den Medienmogulen das Fürchten zu lehren. Obwohl Helmstedt nicht gerade als Medienhauptstadt gehandelt wird, steht hier doch die Wiege einer neuartigen Fernsehzeitschrift, die bundesweit für Aufsehen gesorgt hat und wohl noch sorgen wird: “TV-Extra”. In einer Bierlaune kam den Gebrüdern Bodo und Georg Scharffetter die Idee zu diesem durch Werbung finanzierten und kostenlos vertriebenen TV-Magazins.

Die im Dezember letzen Jahres herausgegebene Nullnummer brauchte dann auch tatsächlich den Vergleich mit Kauftiteln nicht zu scheuen. Das merkten auch Zeitschriften-Riesen wie der Springer- und Bauer-Verlag, die jetzt alles daran setzen, dass “TV-Extra” eine Totgeburt wird.

SCHULZ! Wie seit Ihr auf die Idee gekommen, ein TV-Magazin auf kostenloser Basis herauszugeben?

SCHARFFETTER Die Idee ist meinem Bruder Georg und mir im letzten Frühjahr in einer Bierlaune im Kuhstall (Kneipe) gekommen. Von der Idee bis zur Herausgabe von TV-Extra war es natürlich noch ein weiter Weg, da mußten wir noch ein bißchen dran feilen.

SCHULZ! TV-Extra ist also eine reine Gebrüder Scharffetter-Produktion oder stecken noch weitere Investoren dahinter?

SCHARFFETTER Niemand sonst, nur Georg und ich.

SCHULZ! Und wann ging’s dann richtig los?

SCHARFETTER Als Konzept und Layout soweit standen, konnten wir daran gehen, Anzeigenkunden anzusprechen, da das Magazin kostenlos im Einzelhandel verteilt wird, die einzige Einnahmequelle. Die Auflage der Nullnummer betrug 20.000 Exemplare, wovon jeweils 10.000 in Braunschweig und Wolfsburg verteilt wurden, das war im Dezember 1995. Die reguläre Auflagenhöhe ab Nummer eins sollte dann 100.000 betragen.

SCHULZ! Aber zur Nummer eins ist es nie gekommen?

SCHARFFETTER Leider. Unsere Nullnummer hat für einiges Aufsehen gesorgt, sowohl positiv als auch negativ. Wir haben ‘ne Menge Leserbriefe gekriegt, die das toll fanden und uns ermutigten weiterzumachen. Allerdings flatterten uns auch Abmahnungen ins Haus, die die Einstellung von TV Extra verlangten.

SCHULZ! Und die kamen von wem genau?

SCHARFFETTER Die erste kam Axel Springer Verlag, wenig später schloß sich noch der Heinrich-Bauer Verlag an.

SCHULZ! Also richtig “große Tiere”. Wie wurden die Abmahnungen begründet?

SCHARFFETTER Der Springer Verlag plädierte auf unlauteren Wettbewerb. Von “Marktverstopfung” war da die Rede, was immer das ist. Der Streitwert wurde auf drei Millionen Mark festgesetzt. Der Bauer Verlag störte sich mehr am redaktionellen Teil und belehrte uns, dass journalistische Beiträge nicht kostenlos an den Endverbraucher abgegeben werden dürfen - das würde allerdings auch bedeuten, dass sich zigtausend Stadtmagazine und kostenlose Wochenzeitungen in Deutschland strafbar machen. Seltsam, nicht wahr? Zwar setzten sich unsere Beiträge nur aus Pressetexten der jeweiligen Sender zusammen, aber so genau wollte das gar keiner wissen. Meiner Meinung soll aber ganz einfach ein Exempel an uns statuiert werden. Das Projekt soll im Keim erstickt werden, damit es keine Nachahmer gibt. Könnte ja schließlich bedeuten, dass TV-Zeitschriften am Kiosk bald der Vergangenheit angehören.

SCHULZ! Wie ging es weiter?

SCHARFFETTER Da wir nicht auf die Abmahnungen reagiert haben, folgten Einstweilige Verfügungen. Diese wurden zwar im Mai bei einer Anhörung beim Braunschweiger Landgericht bestätigt, aber damit finden wir uns nicht ab. Das würde ja schließlich bedeuten, dass zwei, drei große Konzerne sich “den Kuchen teilen dürfen” und das alles wird noch von gerichtlicher Seite brav abgesegnet. Wenn nötig, gehen wir bis zum Bundesverfassungsgericht.

SCHULZ! Wie war die Resonanz bei den Medien?

SCHARFFETTER Die Sache hat natürlich für Trubel gesorgt. NDR 1 und NDR 2 haben uns schon interviewt. Zur ersten Gerichtsverhandlung hat sich das Fernsehen angekündigt: N3 und “Monitor” haben Interesse signalisiert.

SCHULZ! Was hätte es denn für Folgen, wenn Ihr mit Eurem Anliegen durchkommt?

SCHARFFETTER Dann kann man davon ausgehen, dass es in nächster Zeit mehrere kostenlose Fernsehmagazine geben wird, die den Großen unter Umständen den Markt abgraben.

SCHULZ! Haben sich nach dem Rummel Sponsoren gemeldet, die einen Markt wittern?

SCHARFFETTER Uns liegen jetzt schon einige Angebote von Investoren vor, aber wir haben’s alleine angefangen und wollen es auch alleine zuende bringen.

SCHULZ! Woher habt Ihr Euer Knowhow?

SCHARFFETTER Wenn man mal Maschinenbau studiert hat…

SCHULZ! Was hat ein TV-Magazin mit Maschinenbau zu tun?

SCHARFETTER Das freie Denken, von daher kann man sich in verschiedene Sachen reindenken. Ist zwar mit einigen Schwierigkeiten verbunden, aber naja.

SCHULZ! Schwierigkeiten wie etwa mit Eurem Verlagsnamen “Multimedia”?

SCHARFFETTER Ihr seid ja gut informiert. Ja, der Name war bereits von einem Verlag belegt - jetzt nennen wir uns nur noch TV-Extra. Wir sind eben neu im Geschäft, kann passieren.

SCHULZ! Da habt Ihr wohl die entsprechende Vorlesung im Maschinenbau verpaßt. Wie geht’s weiter mit TV-Extra?

SCHARFFETTER Es sieht so aus, das wir das Projetk mit Franchise-Nehmern durchziehen wollen. Das heißt, wir suchen uns für jede Stadt Partner, die TV-Extra sozusagen in Lizenz rausbringen. Wir machen das Layout und Druck und die Franchise-Nehmer verkaufen die Werbung.

SCHULZ! Ist das Zukunftsmusik oder läuft da schon was?

SCHARFFETTER Da laufen schon diverse Aktivitäten. Vier Städte haben wir schon.

SCHULZ! Ist Helmstedt dabei?

SCHARFETTER Helmstedt noch nicht. Schulz! hat sich ja bisher nicht dazu überreden lassen.

SCHULZ! Für Helmstedt wäre Schulz! also der einzige potentielle Partner?

SCHARFETTER Der einzige, der Kompetent genug ist.

Anm.d.Red.: Nach einer Konzeptänderung wird TV-Extra europaweit erfolgreich als kostenlose Beilage für Zeitungen und in Hotels vertrieben und hat inzwischen sogar Einzug am Kiosk gehalten. Stand: März 2007

2. Juli 1996 um 17:07 Uhr.
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