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Peinlich: Gratis-Comic-Tag

14. April 2010 I A P I Highlights,News + Infos

Gratis-comic-tag
Nach amerikanischem Vorbild haben sich nun erstmals auch in Deutschland einige Comicverlage und Händler zu der Promotionaktion Gratis-Comic-Tag zusammengefunden. Am 08.05.2010 gibt es über zwei Dutzend eigens für dieses Event produzierte Comichefte bei 147 teilnehmenden Fachhändlern umsonst, sofern die Comichändler, die auf explodierende Sammlerpreise spekulieren, diese nicht schon vorher bunkern.

Zielsetzung ist es, der aussterbenden Comicgemeinde, die ausschließlich aus in die Jahre gekommenen Nerds besteht, frisches Blut zuzuführen. Einmal durch die Gratisprobe angelockt, sollen Kids dann in Zukunft frohgemut für ein altbackenes Comicheftchen soviel wie für einen Kinobesuch berappen. Besonders bizarr: Die Verlage, die durch eigene Onlineshops dafür sorgen, daß ein Comicshop nach dem anderen Pleite geht, ernten die Lorbeeren und lassen sich das auch noch von den Händlern finanzieren. Respekt.

Splash! Online TV

Dieses Video ist Teil eines Berichtes, den man hier finden kann.
14. April 2010 um 19:43 Uhr.


12 Kommentare zu diesem Artikel

Henning Kockerbeck 16. April 2010 um 23:10 Uhr.

Totgesagte Leben länger

Es juckt mir gerade in den Fingern, den inzwischen schon abgedroschenen Spruch von Dieter Nuhr zu zitieren: „Wenn man keine Ahnung hat…“. Oder man hätte wenigstens jemand fragen sollen, der sich auskennt. Denn dieser Artikel zum Gratis-Comic-Tag enthält gleich mehrere sachliche Fehler.

Wer in Deutschland eine „aussterbenden Comicgemeinde, die ausschließlich aus in die Jahre gekommene Nerds besteht“ sieht, hat offenbar mindestens die letzten acht bis zehn Jahre schlicht verschlafen. Seit diesem Zeitpunkt nämlich sind in Deutschland wie in vielen anderen Ländern Manga überaus beliebt. Manga sind Comics aus Japan, oder besser gesagt, Comics nach japanischer „Machart“, denn Manga werden längst auch außerhalb Japans, auch in Deutschland, gezeichnet.

Und wie aktiv und lebendig die deutsche Mangaszene (und Comicszene allgemein) ist, kann sich jeder Interessierte selbst ansehen: Etwa auf den einschlägigen Messen, Veranstaltungen und Conventions wie der Frankfurter und der Leipziger Buchmesse oder der Connichi – im Juni steht wieder der Comic-Salon in Erlangen an. Die Deutsche Cosplay-Meisterschaft (beim Cosplay schneidern die Fans mit teils enormen Aufwand die Kostüme ihrer Helden nach und führen regelrechte kleine Theaterstücke auf) findet seit mehreren Jahren mit Vorentscheiden in ganz Deutschland und dem großen Finale auf der Frankfurter Buchmesse statt. Und wer sich nicht vom Computer wegbewegen möchte, kann sich auf Plattformen wie dem Comicforum, dem CiLF, dem Animexx und anderen davon überzeugen, wie sehr „aussterbend“ die Comicgemeinde ist. Die nach wie vor starken Verkaufzahlen von Serien wie Naruto (den typischen Narutard als „in die Jahre gekommen“ zu bezeichnen, ist auch … interessant), Detektiv Conan oder Bleach seien nur am Rande erwähnt, ebenso wie die Erfolge von Jiro Taniguchi, der das alte Vorurteil „Manga ist nur Kinderkram“ eindrucksvoll wiederlegt.

Damit keine Missverständnisse aufkommen, die deutsche Comicszene besteht längst nicht „nur“ aus Manga. Gerade in den letzten Jahren haben die klassischen frankobelgischen Alben eine regelrechte Renassance erlebt. Hinzu kommen Cartoons, deutsche Independent-Comics, Webcomics und so weiter. Beispielhaft seien nur Verlage wie Splitter oder Finix Comics (hinter letzteren steht ein hochinteressantes Konzept) genannt. Oder Zeichner wie Reinhard Kleist, Isabel Kreitz, Calle Klaus, Anke Feuchtenberger, Mawil und viele mehr. Oder Online-Comics wie „Der Tod und das Mädchen“ von Nina Ruzicka (die, der Vollständigkeit halber, Österreicherin ist) oder „Das Leben ist kein Ponyhof“ von Sarah Burrini.

Sachlich falsch ist leider auch, dass die Verlage sich den Gratis-Comic-Tag „von den Händlern finanzieren“ ließen. Der Preis, den die Händler für die Hefte bezahlen, deckt nur die Druckkosten ab. Alles andere, also Lizenzkosten, Übersetzung, Redaktion, Lettering und Aufbereitung der Druckvorlagen, Pressearbeit und PR oder auch Werbemittel wie Flyer und Poster bezahlen die Verlage aus eigener Tasche. Insgesamt kann man sagen, dass die Verlage einerseits und die Händler andererseits sich die Kosten etwa 50:50 teilen.

Ich hoffe, ich konnte einige Missverständnisse und Fehlinformationen rund um Comics in Deutschland und den Gratis-Comic-Tag klären. Und vielleicht hat mein Kommentar ja den einen oder anderen dazu angeregt, mal wieder einen Blick auf die „Neunte Kunst“ zu werfen. Das, also neuen Lesern Comics näherzubringen und ihnen zu zeigen, was es in den Comic-Shops alles zu entdecken gibt, ist nämlich auch das vorrangige Ziel des Gratis-Comic-Tags am 8. Mai 2010.

Henning Kockerbeck, Splashpages.de

wob 19. April 2010 um 06:09 Uhr.

Und Fanboy war sein Name …

Etwas am Thema vorbei, Herr Kockerbeck. Sicher erfreuen sich Mangas höchster Beliebtheit und natürlich sind Mangas faktisch Comics. Der Versuch mir unterjubeln zu wollen, dass Mangaleser zur Comicszene gehören oder die beiden Gruppen in irgendeiner Form kompatibel oder vergleichbar sind, ist doch eher plump. Die Mangas werden von jungem Publikum konsumiert, um sie anschließend, so zumindest in Japan, zu entsorgen. Allein bei dem Gedanken kräuselt sich doch schon jedem Comicsammler von der Altherren-Fraktion die Zehennägel. Der zieht es vor, seine Comics, am besten ungelesen, in eine Plastikhülle zu stecken und ins Regal zu packen, was ursprünglich nicht im Sinne des Erfinders war.

Als nächstes die „Comics-sind-Kunst“ Karte zu ziehen und missionarisch von der „Neunten Kunst“ zu referieren, scheint auch so ein typischer Reflex zu sein. Niemand zweifelt an, dass es brillante Comics, Verzeihung, „Graphic Novels“ gibt, aber muss man sie gleich zur Kunst erheben? Erfrischenderweise ist ein Autor wie Alan Moore damit ganz zufrieden, Comics zu machen, die unterhalten sollen, wenn einst davon dann zu den 100 besten Romanen aller Zeiten gewählt wurde, ist das nur noch der Zuckerguss. Comics waren mal Massenartikel, auch hier kann man von den Mangas lernen. Wenn ich Kunst will, gehe ich ins Museum.

Die Comicszene ist tot, aber letztendlich will sie es doch gar nicht anders. Ist doch schön heimelig zu einem Verein zu gehören, wo jeder jeden kennt. Ihre „den-kenn-ich-nicht-der-kann-keine-Ahnung-haben“ Reaktion spricht da Bände. Geradezu köstlich in diesem Zusammenhang ist das Splashcomics Video-Interview mit dem Paninicomics Verlagschef, das man getrost unter dem Titel „Kuscheln mit Max Müller“ ablegen kann. Klar kaufe ich Fanboy Max Müller ab, dass er es persönlich irgendwie doof findet, dass die Comicshops sterben wie die Fliegen. Anstatt zu hinterfragen, ob die Comicverlage daran ganz unschuldig sind, fühlt sich Splashcomics geadelt, die PR für diese fadenscheinige Gratis Comic Tag – Aktion zu übernehmen. Das nenn‘ ich investigativen Journalismus!

Aber da Splashcomics nun offensichtlich die PR-Abteilung deutscher Comicverlage ist, beantworten sie mir, Herr Kockerbeck bitte die Fragen, die ihr Kollege hätte stellen sollen:

– Was soll die Kids, nachdem sie ein kostenloses Comic abgegriffen haben, dazu treiben, in Zukunft Comics zu kaufen und dafür soviel wie für einen Kinobesuch oder Videogame zu blechen?

– Ist die Intention, den kränkenden Comicfachhandel unter die Arme zu greifen nicht purer Zynismus, wenn alle großen Comicverlage die Comics lieber im eigenen Online-Shop anbieten oder wie im Fall Panini den Handel durch Print-on-Demand komplett umgehen?

– Ist die Auswahl von Mega-Crossover-Spinnoffs wie Blackest Night für so eine Aktion nicht schon kompletter Realitätsverlust?

Auf ihre Antwort freut sich

Antonio Pachis

Der Tortenheber 19. April 2010 um 15:34 Uhr.

Der Tortenheber schlägt zurück

– Was soll die Kids, nachdem sie ein kostenloses Comic abgegriffen haben, dazu treiben, in Zukunft Comics zu kaufen und dafür soviel wie für einen Kinobesuch oder Videogame zu blechen?

Die Lust neue Welten, Sichtweisen etc. zu entdecken. Das Preisargument spielt dabei keine Rolle, denn wenn es nach dem Preis gehen würde, würden sich auch keine Jugend-Bücher á la Harry Potter, Warrior Cats usw. verkaufen. Auch viele Mangas „sitzen“ im gleichen Preissegment.

– Ist die Intention, den kränkenden Comicfachhandel unter die Arme zu greifen nicht purer Zynismus, wenn alle großen Comicverlage die Comics lieber im eigenen Online-Shop anbieten oder wie im Fall Panini den Handel durch Print-on-Demand komplett umgehen?

Nein, denn die Online-Vermarktung von Comics ist nur eine Ergänzung zum Comic-Fachhandel. Der Comic-Laden zieht eher Laufkundschaft als der Online-Handel.
Der Gratis-Comic-Tag spiegelt eigentlich nur eine Methode, die im Buch-Sektor schon mit den Gratis-Leseproben erfolgreich praktiziert wird.

– Ist die Auswahl von Mega-Crossover-Spinnoffs wie Blackest Night für so eine Aktion nicht schon kompletter Realitätsverlust?

Wieso? Es handelt sich mMn um ein Experiment. Was soll das mit Realitätsverlust zu tun haben?

Und zum Schluß frage ich mich, was für Beweggründe Antonio Pachis wohl wirklich haben mag, dass er derartig abwertend gegen den Gratis-Comic-Tag anschreibt. Auf seine Antwort freut sich

Der Tortenheber

wob 19. April 2010 um 16:24 Uhr.

O bitter Victory

Bei soviel Scharfsinn haben sie das doch sicher schon erraten, Herr Tortenheber.

Antonio Pachis

Der Tortenheber 19. April 2010 um 17:13 Uhr.

Nein, habe ich nicht.

Und ich verstehe auch nicht, warum Sie mir nicht antworten wollen.

Mit den allerbesten Grüßen,

Tortenheber

wob 19. April 2010 um 17:17 Uhr.

Wollte mich nicht drücken, war nur gespannt auf ihre Theorie.

Antonio Pachis

wob 19. April 2010 um 17:47 Uhr.

Also, nach ernsthaften überlegen bin ich doch selbst etwas verblüfft …

Die Antwort ist: weil mir etwas an Comics liegt.

Antonio Pachis

Tortenheber 19. April 2010 um 19:54 Uhr.

Ihnen liegt etwas an Comics und deswegen finden Sie einen Gratis-Comic-Tag der Verlage peinlich?
Das verstehe ich wirklich nicht.
Aber, ich muss ja auch nicht alles verstehen.

Beste Grüße nach Wolfsburg!

wob 20. April 2010 um 06:40 Uhr.

Ja, Comics zu mögen, muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, alles, was einem vorgesetzt wird, toll zu finden. Dinge kritisch zu hinterfragen sollte schon mal drin sein. Sicher kann die Aktion nicht schaden und wenn der eine oder andere Kleinstverlag seine Serien auf diesem Weg promoten kann, ist das schon ok. Vorausgesetzt natürlich, die Händler ordern deren Hefte überhaupt.

Gehe ich auf die Homepages von Ehapa und Carlsen, muss man sich schon entsprechend durchklicken, bis man mal ein Werbebanner für den Gratis Comic Tag sieht, während es an Hinweisen auf eigene Online-Shops nicht mangelt. Da darf man doch etwas an der ernsthaften Absicht, Neukunden in die Comicshops zu bringen, zweifeln.

Antonio Pachis

Henning Kockerbeck 20. April 2010 um 14:13 Uhr.

Da meine Antwort auf Ihre Fragen etwas länger ausfällt, poste ich sie wohl besser in zwei Teilen.

In der Spitze des Manga-Booms gab es unbestritten viele Manga-Leser, die keinen „klassischen“ Comic anfassen wollten und umgekehrt. Aber diese Trennung ist inzwischen mehr oder weniger verschwunden. Die meisten Manga-Leser, denen ich begegne, sind anderen Comics gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen. Nicht ohne Grund hat beispielsweise Tokyopop, der als reiner Manga-Verlag begann, inzwischen Serien wie Bone oder Lou! (letzteres auch am GCT zu kriegen) im Programm.

Deutsche Manga-Leser werfen ihre Bände nach dem Lesen übrigens in aller Regel genauso wenig weg wie Leser anderer Comics. Das mag es in Japan geben, in Deutschland beklagen sich gerade Manga-Leser eher darüber, dass sie nicht wissen, wo sie noch Platz im Regal für die Neuerwerbungen finden sollen. Sie stellen zwei Extrempositionen – den Extrem-Sammler, der seine Schätzchen nie dem Sonnenlicht aussetzen würde, weil das den Erhaltungszustand verschlechtern könnte und den Nur-Manga-Fanboy, der mit „Comics“ nichts zu tun haben will – gegeneinander. Dabei vergessen Sie, dass das eben nur Extrempositionen sind, zwischen denen ein breites Spektrum liegt, das die Masse der Comic-Fans in Deutschland ausmacht. Ich selbst habe beispielsweise ebenso Love Hina wie Sandman im Regal stehen, ebenso die Manga Power wie die Hergé Gesamtausgabe. So simpel lässt sich die deutsche Comicszene nicht in Schubladen packen, wie sie es versucht haben.

Die „Neunte Kunst“ habe ich bewußt in Anführungszeichen gesetzt. Natürlich ist nicht jeder Comic Kunst, aber warum sollten Comics keine Kunst sein können? Ich will jetzt keine Diskussion über das Thema „Was ist Kunst?“ aufmachen, darüber streiten sich die Gelehrten schon seit Jahrtausenden, aber Kunst nur im Museum zu verorten ist meiner Meinung nach ein Fehlschluss. Viele Künstler und Ausstellungsmacher gehen mit der Kunst dahin, wo die Menschen sind, in Banken, Einkaufszentren und so weiter. Und beispielsweise Aktionskunst kann und soll in den meisten Fällen gerade nicht auf ein Museum beschränkt sein.

Die Comicszene ist alles andere als tot. Beispiele hatte ich bereits in meinem letzten Kommentar genannt, das will ich nicht alles wiederholen. Und meine Vermutung, den ursprünglichen Artikel müsse wohl jemand geschrieben haben, der sich mit Comics und der Comicszene nicht sonderlich gut auskennt, mag sich als unzutreffend herausgestellt haben, nachvollziehbar finde ich sie nach wie vor – wenn man sich betrachtet, wie gravierend die sachlichen Fehler in dem Artikel waren und sind.

Splashcomics ist natürlich nicht die PR-Abteilung deutscher Comicverlage, dazu werden wir schon entschieden zu schlecht bezahlt 😉 Wir berichten über Comics, stellen unseren Lesern Themen vor, die wir für interessant halten, und wenn etwas schlecht ist, dann verreißen wir beispielsweise ein Comic in einer Besprechung auch. Wir stellen die Situation aber genausowenig schlechter da, als sie tatsächlich ist. Wären wir die PR-Abteilung deutscher Comicverlage, würde z. B. auch das Comicforum ganz anders geführt und kritische Stimmen gegen die Verlagspolitik unterbunden. Wie sich jeder selbst überzeugen kann, geschieht im CF nichts dergleichen, im Gegenteil. Die Benutzer können Kritik an den Verlagen äußern, solange es nicht in Schmähkritik ausartet oder sonst die Forenregeln verletzt. Und in vielen Fällen gehen Verlagsmitarbeiter auf die Kritik ein, erklären und beantworten Fragen. Das geht nicht immer, weil beispielsweise Vertragsdetails mit Lizenzgebern aus dem Ausland nicht in der Öffentlichkeit besprochen werden, aber häufig.

Und der zweite Teil…

Sie fragen, warum die Kids nach dem Gratis-Comic-Tag Comics kaufen sollten? Zum einen ist das von Ihnen suggerierte Preisniveau viel höher, als es in der Realität ist. Es gibt die Luxus-Spezial-Sammelausgaben, für die man 100 Euro und mehr ausgeben kann. Es gibt aber eben auch das frankobelgische Album für rund 12 bis 14 Euro, den Manga-Band zwischen etwa 5 und 8 Euro, das Lustige Taschenbuch für 4,99 Euro oder das Simpsons-Heft für 2,50 Euro. Ein Videospiel oder auch “nur” eine Kinokarte für 2,50 Euro müssten Sie mir erst zeigen, und Sondersituationen wie Gebrauchtangebote oder Restposten zählen dabei nicht 😉

Und warum sollten die Kids nun nach dem GCT Comics kaufen? Weil ihnen hoffentlich das, was sie gratis bekommen haben, gefallen hat, sie wissen wollen wie es weitergeht und ihnen das Produkt, das sie bekommen, den Preis wert ist, den es kostet. Das wird nicht bei jedem einzelnen so passieren, aber – da bin ich zuversichtlich – bei vielen. Nicht zuletzt bin ich auch deshalb zuversichtlich, weil ihre Reaktion auf den Gratis-Comic-Tag so ziemlich die einzige negative war, die mir bisher begegnet ist. Das Spektrum reichte sonst von sinngemäß “Interessant, da geh ich mal gucken” bis “Klasse Aktion, ich wünsche Euch viel Erfolg”.

Zur nächsten Frage, ob ein Aktion für den Fachhandel nicht Zynismus sei? Auch hier ist das Bild, das sie darstellen, leider ziemlich verzerrt. Zunächst, wissen Sie wie viele Produkte Panini in den letzten Jahren als Print-On-Demand vertrieben hat? Ich erinnere mich an zwei Bände 20th Century Boys und einen Band Swamp Thing. Zusammen mit denen, die mir gerade nicht einfallen, mögen es fünf Produkte sein, lassen wir es zehn sein. Gleichzeitig bringt Panini Monat für Monat die vier- bis fünffache Zahl an “normalen” Produkten heraus. Wollen Sie ernsthaft behaupten, diese Handvoll Print-On-Demand-Produkte seien, schon rein quantitativ, eine ernsthafte Konkurrenz für den Fachhandel? Mal abgesehen davon, dass Panini (und andere Verlage, z. B. EMA bei einigen Manga Power-Auskopplungen) bisher Print-On-Demand vor allem für Produkte eingesetzt hat, die sich nicht wirtschaftlich über die “normalen” Kanäle vertreiben ließen. Es geht hier also nicht um ein Umgehen des Fachhandels, sondern um ein zusätzliches Angebot, das Verlag und Handel sonst nicht bieten könnten.

Schon eher ein Problem für den Fachhandel sind Online-Shops der Verlage, und über diese Shops sind viele Händler auch nicht unbedingt glücklich. Aber genau dafür gibt es ja Aktionen wie den Gratis-Comic-Tag (neben den schon genannten Zielen), damit die Fachhändler zeigen können, was sie bieten können, das ein Online-Kauf (sei es bei den Verlagen direkt, sei es bei Anbieter wie Amazon) nicht bieten kann. Manche Kunden legen Wert darauf, die Comics vor dem Kauf in die Hand nehmen zu können, sie möchten beraten werden, sie möchten beim samstäglichen Stadtbummel spontan in den Comicshop gehen und schauen können, was es alles Neues gibt, vielleicht einen Plausch mit dem Händler halten und so weiter. Für diese Kunden ist der Fachhandel da. Andere wissen genau, was sie suchen, möchten zu jeder Tages- und Nachtzeit bequem von zu Hause bestellen können und die Lieferung ein paar Tage später an der Haustür in die Hand gedrückt bekommen. Für diese Kunden wiederum ist der Onlinehandel da. Und auch hier gibt es keine strikte Trennung zwischen “Kundentypus A” und “Kundentypus B”, sondern viele kaufen mal so, mal so ein.

Inwieweit die Auswahl von “Blackest Night” auf Realitätsverlust hindeuten soll, erschließt sich mir nicht ganz. Die Comics zum GCT sollen die Bandbreite der Comics zeigen, von Superhelden über Frankobelgisches über deutsche Independent-Comics bis Pulp a la Weißblech. Dass diesmal noch keine Manga dabei sind, hat vor allem damit zu tun, dass der Gratis-Comic-Tag 2010 relativ kurzfristig ins Leben gerufen wurde und Verhandlungen mit japanischen Lizenzgebern, ob man ihre Titel für eine solche Aktion nutzen darf, schon mal etwas … ausführlicher werden können. Es gibt aber trotzdem Titel zur Auswahl, die (siehe oben) auch dem Manga-Klientel gefallen könnten, etwa “Ghostface”, “Lou!”, “Amelia ist die Größte!”, “Courtney Crumrin” und andere.

Das Heft zum Gratis-Comic-Tag enthält außerdem nur den Anfang des “Mega-Crossover-Spinoffs”. Und der GCT soll ja gerade neue Leser neugierig auf Comics machen.

Um noch auf ein paar Aspekte aus Ihren weiteren Kommentaren einzugehen: Die Händler, die am Gratis-Comic-Tag teilnehmen, haben alle ein Grundpaket mit allen 30 Heften geordert. Das bedeutet, am 8. Mai wird es in allen beteiligten Shops alle 30 Hefte geben, auch die von Klein- und Kleinstverlagen. Das bedeutet nicht, dass jeder Kunde mit 30 kostenlosen Heften wieder zur Tür hinausmarschiert, und ich will auch nicht ausschließen, dass von manchen Heften der Vorrat schneller schmilzt als von anderen, aber grundsätzlich stehen erst mal alle 30 zur Auswahl.

Sicher ist in der Comicszene und der Comicbranche nicht alles eitel Sonnenschein, es gibt unterschiedliche Mitspieler mit unterschiedlichen Interessen, die sich schon mal nicht unter denselben Hut bringen lassen. Aber so negativ, wie sie die Situation betrachten, ist sie bei weitem nicht. Ehrlich gesagt habe ich bei Ihnen (wenn Sie mir schon “Fanboytum” unterstellen) ein wenig den Eindruck, ich hätte es gewissermaßen mit einem enttäuschten Liebhaber zu tun, der dann zu dem Ergebnis gekommen ist, “Alles Schlampen außer Mutti” 😉

– Henning Kockerbeck

wob 20. April 2010 um 15:03 Uhr.

Zwischendurch die ersten Zitate von Blogs, die auf diesen Beitrag verlinken:

zwei seltsame, aber sehr interessante Diskussionen
Grober Unfug

Marketing für Arme
Professor Dr. Gerald Lembke, Dozent für Medienmanagement,
Uni Mannheim

wob 21. April 2010 um 12:24 Uhr.

Nerd (engl. für Langweiler, Sonderling, Streber, Außenseiter, Fachidiot)

Hallo Herr Kockerbeck!

Für jeden meiner Nebensätze ein langatmiges Gegenbeispiel zu konstruieren, ist dann auf die Dauer doch etwas ermüdend und führt zu nichts. Sie realisieren gar nicht, dass wir uns hier nicht in ihrem Comicforum befinden, diesen Blog lesen in erster Linie Comicfremde, denen sie hier ein Bild des Grauens liefern, da sie es sich offenbar zur Aufgabe gemacht haben, auch jedes Nerd-Klischee zu bedienen.

Niemand zweifelt an, dass sie etwas von Comics verstehen aber, bei allem Respekt, von Journalismus, Marketing und PR haben sie keine Ahnung. Auf einen ironischen aber immer noch harmlosen Artikel reagieren die Top-Profis, die für die Gratis-Comic-Tag PR zuständig sind, wie aufgeschreckte Hühner. Sofort wird mit Kommentaren zum Gegenschlag ausgeholt und gleich mehrere Threats zu dem Thema im Comicforum aufgemacht. Durch entsprechende Verlinkung wird dafür gesorgt, dass das Google-Ranking immer weiter steigt und ein Beitrag, den sonst kaum jemand zur Kenntnis genommen hätte, wird noch schön promoted.

Sie lassen jeden öffentlich daran teilhaben, dass die PR-Arbeit für den Gratis-Comic-Tag, immerhin eine Aktion führender deutscher Comicverlage, von Fanboys gemacht wird, was am deutlichsten belegt, wie ernst es ihnen damit ist. Als jemand, der sein Geld mit Journalismus verdient hat, kann ich ihnen versichern, „Amateure machen PR-Arbeit für deutsche Comicverlage“ hätte sogar ganz gute Karten als DPA-Meldung durchzugehen. Wenn Kapazitäten auf dem Gebiet von Marketing und PR wie Professor Dr. Gerald Lembke diesen peinlichen Umstand in ihren Tweets, die an über 1000 Medien- und Marketing-Vertreter gehen, mit „Marketing für Arme“ kommentieren, sollte man vielleicht mal ins Grübeln kommen.

Die Verlagsvertreter wären gut beraten gewesen, das letzte Marketing-Symposium in Mannheim zu besuchen. Der Vortrag „Warum man Social Media nicht den Praktikanten überlassen sollte“, den sie nun um ein Fallbeispiel bereichert haben, wäre vielleicht ganz hilfreich gewesen. Ich betrachte die Diskussion damit als beendet, da sie, wie ich finde, schon genug Schaden angerichtet haben.

Antonio Pachis